Verhaltensökonomie · Nachschlagewerk

Bias-Akademie

Unsere Entscheidungen an den Märkten folgen selten der reinen Vernunft. Systematische Denkmuster — sogenannte Verzerrungen oder „Biases“ — lenken uns oft unbemerkt in die Irre. Dieses Lexikon versammelt die elf wichtigsten dieser Muster: wissenschaftlich belegt, verständlich erklärt und um konkrete Gegenstrategien ergänzt.

01

Verlustaversion

Teil der Diagnose

Verluste schmerzen etwa doppelt so stark, wie Gewinne erfreuen.

Definition

Die Verlustaversion beschreibt, dass Menschen einen Verlust deutlich intensiver empfinden als einen betragsgleichen Gewinn. Empirisch wiegt der Schmerz über 1.000 Euro Verlust rund doppelt so schwer wie die Freude über 1.000 Euro Gewinn. Das verzerrt die Bereitschaft, Risiken einzugehen und durchzuhalten.

Aus Anlegersicht

Nach einem Kursrückgang von 20 % verkaufen viele in Panik, um den Schmerz zu beenden — und realisieren damit genau jenen Verlust, den sie fürchten. Wer investiert geblieben wäre, hätte an der anschließenden Erholung teilgenommen.

Was dagegen hilft

  1. Legen Sie Ihre Anlagestrategie schriftlich fest, solange die Märkte ruhig sind — und halten Sie sich in turbulenten Phasen an diesen Plan.
  2. Betrachten Sie Ihr Depot seltener. Wer täglich auf die Kurse blickt, sieht häufiger Verluste und entscheidet emotionaler.
  3. Beurteilen Sie Ihr Vermögen als Ganzes und über den gesamten Anlagehorizont — nicht Position für Position und Tag für Tag.

Wissenschaftliche Grundlage: Kahneman & Tversky (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47(2), 263–291.

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02

Recency Bias

Teil der Diagnose

Wir schreiben die jüngste Vergangenheit unbewusst in die Zukunft fort.

Definition

Der Recency Bias führt dazu, dass wir aktuelle Entwicklungen überproportional gewichten. Steigen die Kurse seit Monaten, erwarten wir weitere Anstiege; nach einem Einbruch rechnen wir mit weiteren Verlusten. Langfristige Durchschnitte und Zusammenhänge treten in den Hintergrund.

Aus Anlegersicht

Nach einer langen Aufwärtsphase erhöhen viele ihre Aktienquote — ausgerechnet dann, wenn die Bewertungen hoch und die künftigen Erträge tendenziell niedriger sind. Nach einem Crash geschieht spiegelbildlich das Gegenteil.

Was dagegen hilft

  1. Orientieren Sie sich an langfristigen Durchschnittsrenditen statt an der Wertentwicklung der letzten Monate.
  2. Nutzen Sie feste Regeln wie regelmäßiges Rebalancing, das Sie automatisch antizyklisch handeln lässt.
  3. Führen Sie sich bewusst vor Augen, dass hohe jüngste Renditen häufig niedrigere künftige Erträge bedeuten — und umgekehrt.

Wissenschaftliche Grundlage: De Bondt & Thaler (1985): Does the Stock Market Overreact? The Journal of Finance, 40(3), 793–805.

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03

Herdenverhalten

Im Zweifel folgen wir der Menge — auch an den Märkten.

Definition

Herdenverhalten bezeichnet die Neigung, Entscheidungen an jenen anderer auszurichten statt an eigenen Informationen. An den Kapitalmärkten verstärkt es Blasen und Paniken: Kaufen alle, kauft man mit; verkaufen alle, verkauft man mit.

Aus Anlegersicht

In der Spätphase einer Spekulationsblase steigen selbst zurückhaltende Anleger ein, weil „alle“ zu verdienen scheinen. Kippt die Stimmung, setzt derselbe Mechanismus den Ausverkauf in Gang.

Was dagegen hilft

  1. Treffen Sie Entscheidungen auf Basis Ihres Anlageplans, nicht auf Basis von Schlagzeilen oder der Stimmung im Umfeld.
  2. Seien Sie besonders wachsam, wenn eine Anlage als „sichere Sache“ gilt und in aller Munde ist.
  3. Streuen Sie breit — so sind Sie weniger anfällig für Moden einzelner Themen oder Regionen.

Wissenschaftliche Grundlage: Shiller (2000): Irrational Exuberance. Princeton University Press.

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04

Overconfidence

Teil der Diagnose

Wir überschätzen unser Wissen und unsere Prognosekraft.

Definition

Selbstüberschätzung führt dazu, dass wir die Treffsicherheit unserer Urteile überschätzen und Risiken unterschätzen. Anlegerinnen und Anleger glauben, den Markt schlagen zu können, handeln deshalb häufiger — und schmälern damit ihre Nettorendite.

Aus Anlegersicht

Barber und Odean zeigten, dass die aktivsten Privatanleger die schlechteste Nettorendite erzielten. Häufiges Handeln verursacht Kosten und beruht meist auf Selbstüberschätzung, nicht auf überlegener Information.

Was dagegen hilft

  1. Messen Sie Ihre Prognosen an der Realität — führen Sie Buch über Ihre Entscheidungen und deren Ergebnisse.
  2. Reduzieren Sie die Handelsfrequenz bewusst; jede Transaktion sollte eine hohe Hürde nehmen.
  3. Akzeptieren Sie, dass breit gestreutes, geduldiges Investieren die meisten aktiven Strategien schlägt.

Wissenschaftliche Grundlage: Barber & Odean (2000): Trading Is Hazardous to Your Wealth: The Common Stock Investment Performance of Individual Investors. The Journal of Finance, 55(2), 773–806.

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05

Action Bias

In der Unsicherheit drängt es uns zum Handeln — obwohl Abwarten oft klüger wäre.

Definition

Der Action Bias ist der Drang, etwas zu tun, selbst wenn Nichtstun die bessere Wahl wäre. In unsicheren Situationen fühlt sich Handeln richtiger an als Abwarten, obwohl es keinen messbaren Vorteil bringt — mitunter sogar schadet.

Aus Anlegersicht

Bricht der Markt ein, verspüren viele den Zwang, „jetzt etwas zu tun“: umzuschichten, zu verkaufen, einzugreifen. Häufig wäre es besser gewesen, dem Plan zu folgen und ruhig zu bleiben.

Was dagegen hilft

  1. Machen Sie „Nichts tun“ zu einer bewussten, legitimen Option — auch Abwarten ist eine Entscheidung.
  2. Vereinbaren Sie mit sich selbst eine Bedenkzeit, bevor Sie in bewegten Märkten handeln.
  3. Fragen Sie sich: Würde ich diese Transaktion auch tätigen, wenn die Märkte heute ruhig wären?

Wissenschaftliche Grundlage: Bar-Eli, Azar, Ritov, Keidar-Levin & Schein (2007): Action Bias among Elite Soccer Goalkeepers: The Case of Penalty Kicks. Journal of Economic Psychology, 28(5), 606–621.

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06

Dispositionseffekt

Teil der Diagnose

Gewinne werden zu früh realisiert, Verluste zu lange ausgesessen.

Definition

Der Dispositionseffekt beschreibt die Neigung, gut gelaufene Positionen vorschnell zu verkaufen und schlecht gelaufene zu lange zu halten. Der Grund: Gewinne mitzunehmen fühlt sich gut an, Verluste zu realisieren schmerzt — also schiebt man es auf.

Aus Anlegersicht

Erreicht ein zwischenzeitlich gefallenes Depot wieder den Einstandswert, verkaufen viele erleichtert — obwohl sich an den Aussichten nichts geändert hat. Verlustpositionen werden dagegen in der Hoffnung auf Erholung gehalten.

Was dagegen hilft

  1. Treffen Sie Verkaufsentscheidungen anhand der künftigen Aussichten, nicht anhand des Einstandspreises.
  2. Der Einstandskurs ist für die richtige Entscheidung von heute irrelevant — blenden Sie ihn bewusst aus.
  3. Definieren Sie vorab Kriterien, unter denen Sie eine Position halten oder trennen — unabhängig von Gewinn oder Verlust.

Wissenschaftliche Grundlage: Shefrin & Statman (1985): The Disposition to Sell Winners Too Early and Ride Losers Too Long. The Journal of Finance, 40(3), 777–790.

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07

Ankereffekt

Eine beliebige Zahl im Kopf beeinflusst unsere Einschätzung.

Definition

Der Ankereffekt beschreibt, wie eine zuvor wahrgenommene Zahl unsere spätere Schätzung verzerrt — selbst wenn sie zufällig oder sachlich irrelevant ist. Wir orientieren uns am Anker und passen unsere Einschätzung anschließend nur unzureichend an.

Aus Anlegersicht

Das frühere Allzeithoch eines Kurses wirkt als Anker: Notiert ein Wert darunter, erscheint er „günstig“ — obwohl der alte Höchststand nichts über den fairen Wert von heute aussagt.

Was dagegen hilft

  1. Bewerten Sie eine Anlage anhand fundamentaler Kennzahlen, nicht anhand früherer Kurshöchststände.
  2. Hinterfragen Sie, welche Zahl gerade Ihre Erwartung prägt — und ob sie überhaupt relevant ist.
  3. Holen Sie unabhängige Einschätzungen ein, die nicht vom selben Ausgangswert ausgehen.

Wissenschaftliche Grundlage: Tversky & Kahneman (1974): Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases. Science, 185(4157), 1124–1131.

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08

Home Bias

Wir übergewichten das Vertraute — den Heimatmarkt.

Definition

Der Home Bias bezeichnet die Neigung, überproportional in Wertpapiere des eigenen Landes zu investieren. Das Vertraute wirkt sicherer, obwohl es die Diversifikation verschlechtert und Klumpenrisiken schafft.

Aus Anlegersicht

Österreichische Anleger halten oft einen Großteil ihres Aktienvermögens in heimischen Titeln — obwohl der österreichische Markt nur einen Bruchteil der Weltwirtschaft abbildet und stark von wenigen Branchen abhängt.

Was dagegen hilft

  1. Streuen Sie global — orientieren Sie sich an der weltweiten Marktkapitalisierung statt an Landesgrenzen.
  2. Prüfen Sie, wie hoch der Anteil Ihres Heimatmarkts tatsächlich ist, und gleichen Sie Übergewichte aus.
  3. Trennen Sie das Gefühl der Vertrautheit von der tatsächlichen Sicherheit einer Anlage.

Wissenschaftliche Grundlage: French & Poterba (1991): Investor Diversification and International Equity Markets. The American Economic Review, 81(2), 222–226.

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09

Mental Accounting

Wir führen gedankliche Konten — und behandeln Geld je nach Etikett unterschiedlich.

Definition

Mental Accounting beschreibt, dass Menschen Geld je nach Herkunft oder Zweck in getrennte gedankliche „Konten“ einordnen und ungleich behandeln — obwohl Geld fungibel ist. Das führt zu inkonsistenten Entscheidungen.

Aus Anlegersicht

Ein unerwarteter Bonus wird risikofreudiger angelegt als mühsam Erspartes, obwohl beides denselben Wert hat. Oder erzielte Kursgewinne werden leichtfertig aufs Spiel gesetzt, weil sie als „Gewinn des Hauses“ gelten.

Was dagegen hilft

  1. Betrachten Sie Ihr Vermögen als ein Ganzes und richten Sie Ihre Risikoentscheidung am Gesamtportfolio aus.
  2. Behandeln Sie jeden Euro gleich — unabhängig davon, ob er ererbt, erspart oder gewonnen wurde.
  3. Prüfen Sie, ob Ihre „Konten“ zu inkonsistenten Risiken führen, etwa hohe Zinsschulden neben niedrig verzinstem Sparguthaben.

Wissenschaftliche Grundlage: Thaler (1985): Mental Accounting and Consumer Choice. Marketing Science, 4(3), 199–214.

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10

Bestätigungsfehler

Wir suchen nach Bestätigung, nicht nach Widerlegung.

Definition

Der Bestätigungsfehler beschreibt die Neigung, Informationen bevorzugt so zu suchen und zu deuten, dass sie die eigene Meinung stützen. Widersprechende Belege werden übersehen oder abgewertet — so verfestigen sich Fehleinschätzungen.

Aus Anlegersicht

Wer von einer Aktie überzeugt ist, liest vor allem zustimmende Analysen und blendet Warnsignale aus. Statt korrigiert zu werden, wird die anfängliche Einschätzung immer weiter verhärtet.

Was dagegen hilft

  1. Suchen Sie aktiv nach Argumenten, die gegen Ihre These sprechen — und nehmen Sie sie ernst.
  2. Formulieren Sie vorab, welche Beobachtung Sie von Ihrer Meinung abbringen würde.
  3. Holen Sie den Rat von Menschen ein, die anderer Auffassung sind als Sie.

Wissenschaftliche Grundlage: Nickerson (1998): Confirmation Bias: A Ubiquitous Phenomenon in Many Guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220.

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11

Verfügbarkeitsheuristik / FOMO

Was uns leicht in den Sinn kommt, halten wir für wahrscheinlicher.

Definition

Die Verfügbarkeitsheuristik führt dazu, dass wir die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses danach beurteilen, wie leicht uns Beispiele dafür einfallen. Präsente, spektakuläre Meldungen erscheinen wahrscheinlicher, als sie sind — und nähren die Angst, etwas zu verpassen (FOMO).

Aus Anlegersicht

Berichten die Medien täglich über eine haussierende Anlage, entsteht der Eindruck, jeder verdiene daran und man müsse dringend einsteigen. Die bloße Sichtbarkeit ersetzt die nüchterne Analyse.

Was dagegen hilft

  1. Stützen Sie Wahrscheinlichkeiten auf Daten, nicht auf die Präsenz eines Themas in den Medien.
  2. Nehmen Sie die „Angst, etwas zu verpassen“ als Warnsignal — sie ist ein schlechter Ratgeber für Investments.
  3. Halten Sie an Ihrem langfristigen Plan fest, auch wenn kurzfristig scheinbar alle woanders verdienen.

Wissenschaftliche Grundlage: Tversky & Kahneman (1973): Availability: A Heuristic for Judging Frequency and Probability. Cognitive Psychology, 5(2), 207–232.

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Vom Wissen zur Haltung

Kein Mensch legt diese Muster vollständig ab — auch erfahrene Anlegerinnen und Anleger nicht. Entscheidend ist, sie zu kennen, im eigenen Verhalten wiederzuerkennen und ihnen mit klaren Regeln zu begegnen. Die vollständigen Quellenangaben finden Sie auf der Methodik-Seite.